Tip-Magazin Interview zum Thema Dunkelretreat

Saskia John Unkategorisiert Leave a Comment

Im Tip-Magazin Interview zum Thema Dunkelretreat stellte Ursula Podeswa die folgenden Fragen an Saskia John:

  • Was sind Dunkelretreats? Nachts ist es ja immer dunkel – ist da ein Unterschied?

Ja, da gibt es einen sehr großen Unterschied. Dunkelretreat ist ein Rückzug, eine Einkehr in sich selbst. Es gibt Räume, die komplett dunkel sind, man die Hand vor den Augen nicht sehen kann. Raum, Toilette, Flur – der gesamte Aufenthaltsbereich ist komplett abgedunkelt. Dadurch werden die äußeren Reize abgeschirmt, die Augen haben nichts mehr zu sehen – wo wir uns ja so gerne anheften an den Dingen, die wir sehen. Das ermöglicht den inneren tiefen Prozess, warum man das ja macht. 

  • Ist ja ein bisschen gruselig, die Vorstellung. Wie lange gehen Dunkelretreats?

Das ist unterschiedlich. Zwischen Stunden bis Tage oder auch Wochen. Und die gruselige Vorstellung … ich meine, wir kommen alle aus dem Dunkeln, wir sind alle 9 Monate im Mutterleib gewesen – da ist es stockdunkel. Das ist also eine tiefe Ur-Erfahrung, die man da machen kann. Ich glaube, wenn man Dunkelretreat hört und hört, dass es komplett dunkel ist und dann eine gruselige Vorstellung aufkommt, das hängt dann oft mit eigenen Ängsten zusammen, die in dem Moment auftauchen, die diese Vorstellung an ein Dunkelretreat dann schrecklich oder gruselig machen. Aber das hat mit dem Dunkel an sich nichts zu tun, sondern mit den Erfahrungen, die man in seinem Leben oder auch im Mutterleib gemacht hat, weil die Mutter vielleicht im Stress während der Schwangerschaft war oder das Kind nicht haben wollte. Oder der Vater das Kind nicht haben wollte. Diese Gefühle sitzen ja alle in unseren Zellen und in unserem Unterbewusstsein drin. Und dann taucht beispielsweise dieses „Gruseln“ bei der Vorstellung an ein Dunkelretreat wieder auf. Aber das ist ja das, was wir sowieso in uns tragen und worum es ja auch geht: sich die Dinge bewusst zu machen, die wir wie so ein Paket mit uns herumtragen und was unser Leben als Erwachsener auch erschwert – nämlich diese unbewussten Pakete, die sich einmischen in Paarbeziehungen, Arbeitsbeziehungen – also in alle sozialen Beziehungen – und uns vor Herausforderungen stellen, die oftmals sehr schwierig sind. Oder die Dinge in unser Leben ziehen, wo wir dann an dieses Gruseln in uns wieder herankommen. 

  • Also es ist eine heilsame Erfahrung, so wie du das beschreibst, oder?

Ja, ich habe das so erfahren. Ich habe das ja jetzt drei mal für längere Zeit gemacht.

  • Wie lange?

Beim 1. Mal waren das 12 Tage, beim 2. Mal 24 und beim 3. Mal 26 Tage. Ich selbst habe das als zutiefst heilsam erfahren. Das ist ein Prozess, den kannst Du Dir wie einen Brunnen vorstellen. Der Brunnen ist erst hermetisch verschlossen, da gibt es einen dicken Deckel drauf. Gefühlt ist der Brunnen schon Jahrhunderte nicht mehr geöffnet worden. Und im Dunkelretreat geht dann langsam dieser Deckel auf und dann wabert langsam alles raus, was sich da angestaut hat im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte. Was in unseren Ahnen drinsitzt, sitzt ja auch in uns drin. Was die Ahnen verdrängt haben, ist ja auch in uns enthalten. Und wenn der Deckel aufgeht, dann quillt erst einmal – bildlich gesprochen – schwarze Soße raus. Und es geht darum, dass ich dann da stehe und sage: „Ja. Ok, meine schwarze Soße.“ Und ich bin mit meiner Liebe da, mit meiner Achtung da, mit meiner Wahrnehmung da, mit meinem Bewusstsein da und kann mir das angucken, was da alles an Verdrängtem hochkommt. Und wenn die Liebe da drauf schaut, dann erkenne ich die Dinge einfach neu. Ich kann die Situationen und Erfahrungen anders beurteilen und anders bewerten, als ich das als Kind konnte oder wie mir das als Kind ja auch von den mich begleitenden Erwachsenen eingeredet oder mitgeteilt oder vermittelt worden ist. Und was ich ja als Kind zunächst einmal alles geglaubt und für bare Münze genommen habe. Und jetzt kann ich das mit meinem Erwachsenen-Verstand, den ich heute habe, noch einmal neu anschauen und beurteilen. Und dieses Innere Kind – so nenne ich das – ist nicht einfach nur so eine Idee oder Vorstellung, sondern es ist wie ein lebendiges Wesen in uns, das dann im Prinzip mit all den Erinnerungen, was wir als Kinder erfahren haben, sehr lebendig in unser Bewusstsein kommt. Und dann kann ich mich als heutige Erwachsene zu meinem inneren Kind dazustellen und ihm geben, was in der Kindheit gefehlt hat. Liebe, volle Aufmerksamkeit, Verständnis, Gesehen-Werden, Gehört-Werden mit seinen Herausforderungen, die das Kind einfach damals hatte. Oftmals ist es ja so, dass gesagt wird: „Ach, ist doch nicht so schlimm! Nun hab dich mal nicht so!“ Und damit wird das Kind emotional weg geschoben. Aber es hat ja ein Problem, das es allein nicht lösen kann. Es weint ja nicht, weil es kein Problem hat, sondern weil es eins hat. Und heute kann ich mich als Erwachsene jetzt um dieses Innere Kind kümmern.

Ich habe ja jetzt schon einige Dunkelretreats begleitet und habe die Erfahrung gemacht, dass die Leute gerade auch wegen der Arbeit mit dem Inneren Kind kommen. Weil es so leicht im Dunkelretreat ist, mit diesem Inneren Kind wirklich in eine gefühlte Verbindung zu kommen, können diese alten Sachen, die immer verdrängt wurden und die unser Leben als Erwachsene blockierend beeinflussen, verarbeitet werden. Indem die kindlichen Erfahrungs- und Gefühlsinhalte hochkommen und verbunden werden können mit meinem Erwachsenen-Ich, sodass da eine Beziehung entsteht zwischen dem Erwachsenen und dem Inneren Kind und dadurch – weil Dein Gedanke war ja, es klingt nach Heilarbeit – Heilung entsteht. Das ist die Heilarbeit, dass ich als Erwachsene den Inneren Kind gebe, was ihm gefehlt hat. Das nennt man in der Psychologie Nachbeeltern. Und das kann ich als Erwachsene tun – die Liebe, die ich heute habe, das Verständnis, die Weisheit, meine Kompetenz, all das kann ich meinem Inneren Kind zur Seite stellen. Und das gibt ein inneres Ausatmen, eine Erleichterung, eine Entspannung im Kind. Da wo früher Spannung war, wandelt sich diese in Entspannung. Tip-Magazin Interview zum Thema Dunkelretreat

Wer gerne mehr wissen möchte über Erfahrungen, die im Dunkelretreat gemacht werden können, dem sei mein Buch „Grenzerfahrung Dunkelretreat“ empfohlen. 

  • Aber Du bist allein im Dunkelretreat? Du hast keine Begleitung, die Dich dann, wenn es mal hart wird, auch mal trösten oder in die Realität zurückholen kann?

Doch, ich begleite die Dunkelretreats. Ich selber hatte auch Begleitung – eine Stunde am Tag. In dieser einen Stunde habe ich alles besprochen, was in mir hochgekommen ist, wo ich merkte, da hätte ich gerne einen Außenblick darauf, um die Inhalte (z. B. Träume, Erinnerungen oder emotionale Bewegtheit) nochmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dann kann ich das mit dem Begleiter besprechen. Der Begleiter kann das als Außenstehender ja noch einmal ganz anders beurteilen, als wenn ich selber drin verfangen bin. Und dann kann das durch die Gespräche auch heilen, weil etwas, was nie gesehen wurde, im Gespräch plötzlich in Kontakt kommt – entweder mit meinem Begleiter oder auch mit mir selbst als Erwachsene. Viele Emotionen, die Jahrzehnte aufgestaut wurden, können sich endlich mal entladen. Das ist ein sehr heilsamer Prozess, wo sich Angst in Vertrauen wandeln kann oder Wut in Entspannung. Wo es nicht mehr diese komprimierte Wut ist, die immer nicht raus durfte, sondern ich komme in einen gesunden Kontakt zu dem Gefühl. Ärger ist ja auch etwas, was gesund ist – wenn nämlich das Verhalten eines Erwachsenen abweicht von der gesunden Mittellinie, dann macht das ja erst einmal ärgerlich. (Nachtrag von mir: Und dieser Ärger ist gesund. In Zeiten der autoritären Erziehung wurde darauf abgezielt, diese gesunde Reaktion im Kind auf ein nichtadäquates Verhalten ihm gegenüber aggressiv zu unterdrücken. Es wurde als „böse“ dargestellt, sodass das Kind glaubte, es habe an etwas Schuld oder mit ihm stimme etwas nicht. Daraufhin versuchte das Kind, diesen im Grunde gesunden Ärger zu unterdrücken. Aber was hier wirklich schief lief war das Verhalten des/der Erwachsenen dem Kind gegenüber. Ein kleines Kind kann das jedoch nicht analysieren und erkennen; es wird die Schuld eher bei sich suchen, insbesondere dann, wenn der Sachverhalt durch Gestik, Mimik und Stimmlage seitens der Erwachsenen im Sinne einer Schuldzuweisung vermittelt wird.) 

  • Ja. Also mal ganz was praktisches: Wie läuft das Dunkelretreat denn eigentlich ab? Hat man dann auch 3 Mahlzeiten am Tag und man schläft nachts oder verliert man sein Zeitgefühl völlig?

Das waren jetzt mehrere Fragen. Ich fange mal an mit dem Essen. Die meisten fasten während der Zeit. Das heißt, sie bekommen von mir Getränke hingestellt, sodass sie sich selbst den Tag über bedienen können, so wie sie halt auch Durst haben. Wer nicht fasten möchte, für den koche ich eine Suppe und püriere die, sodass sie leicht zu trinken ist und auch einen gewissen Sättigungseffekt hat. Aber meiner Erfahrung nach ist es gut zu fasten, weil das die innere Reinigung und vor allem die Klarheit gut unterstützt. Der Verdauungstrakt ist nicht mit Verdauung beschäftigt, sondern alle Energie geht in die Klarheit und ins Bewusstsein. Und das unterstützt diesen inneren Bewussstseins-, Heilungs- und Reinigungsprozess enorm. Was war Deine weitere Frage?

  • Wie das mit dem Tag-Nacht-Rhythmus ist, ob der sich auflöst?

Tip-Magazin Interview zum Thema Dunkelretreat - Saskia JohnDer Tag-Nacht-Rhythmus verliert sich. Je länger ich in der Dunkelheit bin, um so weniger spielt das eine Rolle. Aber nach meiner Erfahrung habe ich immer gepürt: wann ist Tag und wann ist Nacht. Es fühlt sich einfach wirklich anders an. Du bekommst ein Gefühl für die Nacht. Da ist eine andere Stille, die hat eine andere Qualität als der Tag. Außerdem hörst Du es über die Vögel. Die zwitschern einfach nicht nachts. 

  • Interessant. Sag mal, die Dunkelretreats haben ja, glaube ich, auch eine lange Tradition, oder? Wo kommt das her?

Ja genau. Dunkelretreats kommen, so wie ich das in Erfahrung gebracht habe, aus dem tibetischen Kulturkreis. Wo die tibetischen Mönche seit Jahrtausenden diese Form von Dunkelretreat für ihre eigene Bewusstseinsarbeit nutzen. Interessanterweise machen die das bis zu 49 Tage oder sogar bis 3 Jahre. 3 Jahre Dunkelretreat! Das muss man sich mal vorstellen. Das ist unglaublich. Bringt einen ganz sicher an tiefe Grenzen, aber auch über die eigenen Grenzen hinaus. Man muss einfach wissen: wofür mache ich so ein Dunkelretreat?

  • Und Du bietest das bei Dir zu Hause an?

Genau. Ich habe jetzt ein Haus gemietet, wo ich auch einen großen Seminarraum habe und Seminare wie Familienstellen und Innere-Kind-Arbeit anbiete. Und die ganze oberer Etage ist komplett abgedunkelt – mit drei Räumen und Bädern und der Flur, sodass die Leute ihren separaten Bereich haben und einfach mit sich und ihren Prozessen sein und wieder bei sich selbst ankommen können. 

  • Ja, interessant. Was sollte denn jemand wollen oder auch was sollte jemand mitbringen, um ein solches Dunkelretreat bei Dir zu besuchen?

Ja – zum Wollen: sich selber kennen lernen wollen; wissen wollen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Was macht mich in meiner Kernenergie aus? Also wieder im eigenen Kern ankommen wollen. Viele kommen auch, um die eigenen Muster klarer zu kriegen, die einen unbewusst steuern. Viele Leute kommen und sagen: „Ich will mein Inneres Kind kennen lernen.“ Oder: „Ich möchte Gotteserfahrungen machen. Ich möchte meine Meditation vertiefen. Ich möchte gesund werden, ich möchte in mir heilen. Ich möchte wissen, wie ticke ich in der Tiefe? Ich möchte auf Visions-Suche gehen. Oder ich habe eine bestimmte Vision und möchte die im Dunkeln einfach klarer kriegen.“ Es gibt so viele Motive, die man haben kann, um ein Dunkelretreat zu machen. 

  • Mir fiel gerade eine vielleicht auch etwas ungewöhnliche Frage ein. Normalerweise macht man es allein. Wie ist es denn, wenn jetzt ein Paar beschließt, wir wollen diese Erfahrung gemeinsam machen. Ist das auch möglich oder ist das sinnvoll?

Ja, ich glaube ein Paar lernt sich im Dunkeln noch einmal ganz anders kennen. Was ich machen würde, ist: Ich glaube, ich würde dem Paar getrennte Zimmer geben, aber bestimmte Zeiten der Gemeinsamkeit ermöglichen, sodass sich beide miteinander in ihrer Vertieftheit, wo sie ja tiefer bei sich selbst sind, näherkommen können. Zunächst mal führt ja das Dunkelretreat zu einer Nähe mit Dir selbst. Und wenn ich Nähe mit mir selbst habe, kann ich mich auch viel näher auf mein Gegenüber einlassen, z. B. auf einen Partner oder eine Partnerin. Ich kann den Partner also wirklich FÜHLEN, wie er ist – und reagiere nicht auf das innere Bild, das ich mir von ihm oder ihr gemacht habe. Es ist ja komplett dunkel, ich sehe ihn also nicht mehr, sondern ich kann mich auf ihn einlassen: Wie ist er? Was macht ihn aus? Wie fühle ich ihn? Und wie fühlt er mich? Und haben wir wirklich eine Verbindung? Oder haben wir nur eine Idee voneinander? Oder fühlen wir uns wirklich –  so, wie wir sind? Oder sehe ich den Partner nur so, wie ich ihn haben will? Das kann ein sehr interessanter Prozess sein, glaube ich. Das wird die Paarbeziehung klären. Entweder es geht dahin, dass wir uns kennenlernen und vertiefen oder es wird klar: ‚Moment mal! Wir haben gar keine Gemeinsamkeit.‘ Und das ist aber auch gut, wenn das rauskommt. Auch das ist ja ein klärender Prozess, wenn klar wird: Hm, wir haben uns gar nichts zu sagen, wenn wir uns nicht „sehen“. 

  • Ja, interessante Idee. Ich denke, dann hast Du meine Fragen soweit beantwortet. Ich würde das Interview für den Augenblick beenden. Ich könnte mir vorstellen, dass wir durchaus noch einmal darüber sprechen, aber für heute danke ich Dir erst einmal und wünsche Dir eine schöne Zeit. 

Danke ebenso. Danke für die Fragen.

Weitere Informationen:
Vorbereitung auf das Dunkelretreat
Durchführung von Dunkelretreats
Seminare „Das Innere Kind heilen„; „Familienstellen„; Der Weg ins Leben – Geburtsseminar in Deutschland
Seminartermine

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