Compassioner Veit Lindau: Leseprobe aus "Grenzerfahrung Dunkelretreat" Teil 2

Saskia John Dunkelretreat 0 Kommentare

24 Tage in völliger Dunkelheit: Grenzerfahrung Dunkelretreat Teil 2

Susanne Nadler

Die Suche nach sich selbst – Saskia John ist den mutigen Weg gegangen und hat sich auf die Suche gemacht- Ihr Weg führte sie in ein Dunkelretreat: 24 Tage in völliger Dunkelheit. Was sie dabei erfahren hat, wie es ihr damit ging, das beschreibt sie sehr eindrucksvoll in ihrem Buch “ Grenzerfahrung Dunkelheit“.

Saskia John:

Im Zuge der Veröffentlichung meines Buches „Grenzerfahrung Dunkelretreat“ werde ich oft gefragt, was ein Dunkelretreat ist und in welche Dimensionen man da gelangen kann.

Ein Dunkelretreat ist ein längerer Aufenthalt in absoluter Dunkelheit, der heilend darin unterstützt, unser inneres Licht und unseren göttlichen Wesenskern klarer zu erkennen. Ursprünglich kommt diese Form der Innenschau aus dem tibetischen Kulturkreis, wo Mönche sich zwischen 49 Tage bis 3 Jahre diesem bewusstseinserweiternden Prozess aussetzen.

Dunkelheit ist in sich selbst eine große natürliche Heilkraft. Durch das Fehlen äußerer Reize gelangen ehemals in das Unterbewusstsein verdrängte Energien (nach C.G. Jung auch „Schatten“ genannt) Schicht um Schicht wieder an die Oberfläche und damit in das Bewusstsein, wodurch Wandlung, Integration und Heilung dessen möglich wird. Zudem können sich, neben der tief archetypischen Welt, höhere Seins-Ebenen (Licht, Liebe, Weisheit) mit einer stark transformativen Kraft offenbaren, die auf der persönlichen und kollektiven Ebene zu tiefen Erkenntnis- und Heilungsprozessen führen kann.

2. Auszug aus dem Buch: „Grenzerfahrung Dunkelretreat“ – Ein Erfahrungsbericht über zwei Langzeitaufenthalte in absoluter Dunkelheit

von Saskia John

2. Tag – Unzufriedenheit

Mein Herz schlägt wild und laut gegen meine Brustwand. Ich fühle mich aufgedreht; der Kopf ist zugezogen und schmerzt. Die Augen tun weh und auf dem Klo war ich trotz Abführmittel auch noch nicht. Mir ist hundekalt. Wie geht es mir mit der Dunkelheit? Nun, meine Angst ist weg – oder verdränge ich sie nur? Egal, ich fühle sie jedenfalls nicht mehr. Jetzt finde ich es spannend, von der Dunkelheit umgeben zu sein. Alles, was ich tue, ist neu und anders. So muss ich mich bei jedem Vorhaben, z. B. etwas trinken, beim Laufen, vorwärts tasten.

Mit der Zeit weiß ich intuitiv sehr genau, wo sich meine Utensilien befinden. Ich handele ungewohnt achtsam und bin beim Laufen hochgradig präsent, um nirgendwo anzustoßen. Die pechschwarze Dunkelheit beansprucht all meine Aufmerksamkeit und schürt meine Spannung und Neugier auf „größere“ Erfahrungen.

Da ich absolut nichts sehe, wird mir bewusst, wie sehr ich mich vorher auf meine Augen verlassen habe. Ich vergleiche mich mit einem Blinden. Eine vollkommen andere Welt – zuvor unwichtige Dinge sind plötzlich bedeutsam, und die anderen Sinne, v. a. Tasten und Hören, treten eindrucksvoll in den Vordergrund. Meine Hände werden zu meinen Ersatzaugen, und am liebsten hätte ich riesige Ohren, um noch besser zu hören. Sie erscheinen mir einfach zu klein.

Meine ersten Tai-Chi-Übungen erweisen sich als unglaublich herausfordernd. Immer wieder habe ich das Gefühl, vollkommen falsch zu stehen – eine Kontrolle ist ausgeschlossen, da meine Augen fehlen. Fußspitzenkick? Aussichtslos, da ich das Gleichgewicht auf einem Bein nicht halten kann. Wie in meiner Anfängerzeit vor acht Jahren! Ich bin leicht angesäuert.

Da ich trotz der Schwierigkeiten mit ganz langsamen Bewegungen weitermache, um nirgendwo hart anzustoßen, komme ich tiefer in meinem Körper an und fühle ihn auf eine mir bislang unbekannte Weise. Der sehr kleine Raum, das fehlende Sehen und der durch die Dunkelheit veränderte Gleichgewichts- und Orientierungssinn lassen mich in eine andere Art von Aufmerksamkeit – hochgradig konzentriert und wacher als gewöhnlich – gleiten, die mich den äußeren Raum und zugleich den Körperinnenraum deutlicher wahrnehmen lässt. Ganz gesammelt im unteren Bauchraum spüre ich, wie von der Hüfte aus alle Bewegungen ihren Ausgangspunkt nehmen. Ich habe ein Aha-Erlebnis und weiß plötzlich, was mein chinesischer Tai-Chi-Lehrer meinte, wenn er auf das harmonische Zusammenspiel zwischen Hüfte, Armen und Beinen hinwies. Dass sich mir diese Aussage nie wirklich in ihrer Bedeutung erschlossen hatte, wird mir erst jetzt bewusst. Ich hatte sie nur vom Kopf her verstanden, aber nicht vom Inneren heraus. Spannend!

Wenig später grummle ich völlig unzufrieden vor mich hin. Mir wird deutlich bewusst, wie sehr ich hierher gekommen bin, um etwas zu erleben. Es fällt mir schwer, dieses Erleben-Wollen, diese Erwartungshaltung loszulassen. Ich erinnere mich, warum ich hier bin: um in der Dunkelheit zu erfahren, wer ich bin, was mich ausmacht, woher ich komme, wohin ich gehe. Ich möchte tiefer in das SEIN eintauchen.

Und nun werde ich gleich zu Beginn hart mit den beiden Seiten in mir konfrontiert. Einerseits denke ich: „So ein Mist, für das viele Geld sitzt du jetzt hier im Dunkeln rum und kannst nichts tun. Wärst du doch bloß nach Indien geflogen, da hättest du bestimmt mehr erlebt!“, anderseits ist zugleich das Bewusstsein da, dass alles, was ich anderes tun würde, nur eine Ablenkung wäre von dem, was IST. Nichts wollen, nichts erwarten, nichts begehren …, loslassen! Wie geht das nur?

Wie fühle ich mich? Wie bestellt und nicht abgeholt! Unzufriedenheit und Unmut füllen mich gänzlich aus. Ich kriege das mit dem Loslassen nicht hin! Wenn das die ganze Zeit so weitergeht, werde ich überhaupt keine tiefen Erfahrungen machen …

Die erste Gesprächsrunde mit Holger liegt hinter mir. Er hat mir viele Fragen gestellt, so z. B.: „Was ist das Ich? Was sind Gedanken? Woher kommen die?“ Unsere Unterhaltung zieht noch einmal durch meinen Kopf und ich stelle fest, dass ich von dem, was er über das Ich erzählte, nichts behalten habe. Ich nehme mir vor, noch einmal nachzufragen……